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Das Web 2.0 und Menschen mit Behinderungen – Herausforderungen und Chancen

Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, haben sich in den vergangenen Jahren verändert: Viele Nutzer sind nicht länger nur Konsumenten, sondern gestalten die Inhalte aktiv mit. In Blogs kann man etwa unkompliziert zu verschiedenen Themen Inhalte verfassen und veröffentlichen. Immer häufiger werden auch mediale Inhalte ins Netz gestellt: Populäre Anwendungen wie YouTube und Flickr demonstrieren, wie Videos, Audioformate und Fotos von Privatleuten im WWW Verbreitung finden. Durch den Austausch mit anderen entstehen soziale Netzwerke, von denen Nutzer mit Behinderungen ebenfalls profitieren: Auf YouTube finden sich beispielsweise zahlreiche Gebärdensprach-Videos.

Techniken des Web 2.0

Insbesondere die Interaktivität und die soziale Komponente sind ein zentrales Merkmal moderner Entwicklungen im Web, die vom Software-Entwickler Tim O’Reilly auf einer Konferenz 2004 erstmals unter dem Begriff "Web 2.0" zusammengefasst wurden. Doch was steckt noch hinter diesem Ausdruck? Die technologische Grundlage des Web 2.0 unterscheidet sich kaum vom Web 1.0: (X)HTML, CSS, Skriptsprachen wie Flash und Javascript sowie Browser sind noch immer die Basis der Web-Angebote. Allerdings kommen einige Technologien verstärkt zum Einsatz: Video- und Nachrichtenportale können ohne JavaScript und Flash nicht mehr genutzt werden. Darüber hinaus stellen besonders Multimedia-Dienste Ansprüche: Ohne Breitband-Verbindung und gut ausgestattetem PC wird – im schlimmsten Fall – aus einem Video eine Dia-Show.

Menschen mit Behinderungen im Web 2.0

Eine Braillezeile im Einsatz Menschen mit Behinderungen, die technische Hilfsmittel zur selbstständigen Nutzung des Computers und des Internets einsetzen, können aber selbst wenn die von ihnen verwendete Technik auf dem neuesten Stand ist, am Zugang zu bestimmten Angeboten scheitern – es sei denn, die Inhalte sind barrierefrei. Dann können sich blinde Menschen von einem Bildschirmleseprogramm (Screenreader) die Inhalte von Webseiten vorlesen lassen oder eine Braille-Zeile verwenden. Die funktioniert wie ein kleines Laufband, auf dem in Punktschrift der Inhalt einer Webseite wiedergegeben wird und auf diese Weise ertastet werden kann.

Motorisch eingeschränkte Computer-Anwender haben die Möglichkeit, eine Kopfmaus einzusetzen, deren Steuerung durch die Bewegung des Kopfes erfolgt. Ebenfalls gibt es spezielle Tastaturen, die mit den Zehen, mit Eingabestiften, mit viel oder wenig Druck bedient werden können.

Zur Unterstützung der Anbieter barrierefreier Web-Inhalte wurden im Dezember 2008 die "in englischer Sprache Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0" verabschiedet. Sie sind die offiziellen Richtlinien des World Wide Web Consortiums (in englischer Sprache W3C) für die Erstellung barrierefreier Inhalte im Internet.

Die in englischer Sprache WCAG 2.0 fassen die vier Eckpfeiler der Barrierefreiheit zusammen: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und technische Robustheit. Dazu zählt beispielsweise, dass Formate wie Bilder, deren Bedeutung und Inhalt ein blinder Anwender durch seinen Screenreader nicht wahrnehmen kann, mit einem beschreibenden Alternativtext unterlegt werden. Als gut bedienbar gelten Angebote, die sowohl mit Maus als auch mit Tastatur genutzt werden können. Für eine verständliche Formulierung von Inhalten, so die Empfehlung, sollen ein komplizierter Satzbau vermieden, sowie Fremdwörter und Fachbegriffe dosiert eingesetzt werden. Und unter technischer Robustheit versteht man Anwendungen, die in allen Browsern funktionieren und auch mit technischen Hilfsmitteln vollständig genutzt werden können.

Barrieren im Web 2.0

Wer einen genauen Blick auf die Angebote im Web 2.0 wirft, stellt jedoch fest, dass viele der bereits bekannten Barrieren – wie fehlende Alternativtexte bei Bildern – immer noch vorhanden sind. Und neue Hürden sind hinzugekommen. Etwa durch den weit verbreiteten Einsatz von AJAX (Asynchronous Javascript And XML). Damit können einzelne Elemente einer Webseite dynamisch verändert werden, ohne dass die gesamte Seite neu geladen werden muss. Das nutzen beispielsweise Buchungssysteme zur Anzeige von freien Sitzplätzen. Viele Bildschirmleseprogramme bekommen aber durch AJAX verursachte Änderungen auf einer Seite nicht mit, da nur einzelne Teile ausgetauscht werden.

Eine weitere Barriere sind Anti-Spam-Maßnahmen, die CAPTCHAs genannt werden. Diese erscheinen auf vielen Webseiten als Grafiken mit verzerrten Zahlen- und Buchstabenkombinationen, die vom Nutzer in ein Eingabefeld abgetippt werden müssen. Blinde und stark sehbehinderte Menschen scheitern an diesen Grafiken, da sie – und der Screenreader – sie nicht entziffern können. Mittlerweile gibt es aber auch CAPTCHA-Systeme, die barrierefrei sind. Ein Überblick dazu findet sich unter www.wob11.de/captcha.html.

Die Navigation im Web 2.0 hat sich ebenfalls verändert. Auf vielen Webseiten gibt es kein klassisches Menü mehr, sondern eine so genannte TagCloud. Diese Schlagwort-Wolke ist eine alphabetisch sortierte Sammlung aller Themen, die auf einer Website vorkommen. Die Relevanz, also Bedeutung der einzelnen Begriffe, wird dabei durch die Schriftgröße hervorgehoben: Häufig in Artikeln verkommende Begriffe werden groß, weniger häufig genutzte Begriffe klein geschrieben. Ein Screenreader unterscheidet dies jedoch nicht – weshalb blinde und sehbehinderte Nutzer Gefahr laufen, die Orientierung zu verlieren. Mittlerweile bieten einige Webseiten jedoch zusätzlich neben der klassischen alphabetischen Sortierung eine Sortierung nach Relevanz in einer separaten Sammlung an.

Chancen des Web 2.0

Neben neuen Herausforderungen bietet das Web 2.0 aber auch viele neue Chancen. War die Publikation von Inhalten früher technisch versierten Menschen vorbehalten, kann mithilfe von Blogs und Portal-Lösungen (Videos, Fotos, Soziales) heute jeder komfortabel und schnell Inhalte erstellen und veröffentlichen. Dies stellt für Menschen mit Behinderung eine direkte Verbesserung der Teilhabe am Alltag dar. Zudem gibt es Projekte, durch die das Internet zugänglicher wird – und zwar, indem die Nutzer mit einbezogen werden. So können Mitglieder des Social Accessibility-Projekts (in englischer Sprache http://sa.watson.ibm.com/) Webseiten für Blinde zugänglicher gestalten, indem sie Bilder mit Alternativtexten versehen, wenn dies der Betreiber nicht selbst übernimmt.

Weitere Informationen zum Thema bieten die Online-Portale des Aktionsbündnisses barrierefreie Informationstechnik (AbI) auf www.abi-projekt.de und www.wob11.de.